Die Geschichte der russischen Sprache ist ein faszinierender Spiegel osteuropäischer Kultur, Religion und Politik. Mit über 250 Millionen Sprecher weltweit gehört Russisch heute zu den bedeutendsten Sprachen der Gegenwart. Doch wie entwickelte sich Russisch vom Altkirchenslawischen der Kiewer Rus bis zur modernen Weltsprache des 21. Jahrhunderts?
Altkirchenslawisch: Die Wurzeln des Russischen
Im 9. Jahrhundert missionierten die byzantinischen Brüder Kyrill und Method die slawischen Völker. Sie entwickelten ein neues Schriftsystem, das kyrillische Alphabet, das bis heute Grundlage des Russischen ist. Mit ihrer Übersetzung der Bibel ins Altkirchenslawische legten sie den Grundstein für die erste Schriftsprache der Slawen.
Das Altkirchenslawische wurde vor allem für liturgische Texte verwendet, hatte aber eine enorme Ausstrahlungskraft: Es beeinflusste stark die frühen ostslawischen Dialekte, aus denen sich später Russisch, Ukrainisch und Belarussisch entwickelten.
Altrussisch in der Kiewer Rus
Zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert bildete sich im Reich der Kiewer Rus das sogenannte Altrussische heraus. Diese Sprachstufe war gekennzeichnet durch:
eine hochentwickelte Grammatik mit sieben Fällen und komplexen Verbformen
einen reichen Wortschatz, stark geprägt durch kirchliche und alltägliche Begriffe
frühe Unterschiede zwischen Nord- und Südostdialekten
Viele Strukturen des heutigen Russisch – etwa das Kasussystem oder die Aspekte der Verben – haben ihre Wurzeln in dieser Epoche.
Mittelrussisch: Dialekte und tatarischer Einfluss
Nach dem Zerfall der Kiewer Rus und unter der Mongolenherrschaft (13.–15. Jahrhundert) veränderte sich die Sprache stark. Das Mittelrussische entstand, geprägt durch:
Lehnwörter aus dem Tatarischen, zum Beispiel
- деньги („Geld“)
- караван („Karawane“)
die Herausbildung regionaler Dialekte, besonders im Nordosten um Moskau und im Südwesten
Diese Vielfalt legte den Grundstein für die spätere Normierung des Russischen.
Neuzeit: Peters der Große und westliche Einflüsse
Im 17. und 18. Jahrhundert modernisierte Peter der Große nicht nur Staat und Gesellschaft, sondern auch die Sprache. Er vereinfachte das kyrillische Alphabet und führte neue Schriftzeichen ein, um den Bildungszugang zu erleichtern.
Durch den intensiven Kontakt zu Westeuropa bereicherten zahlreiche Lehnwörter den russischen Wortschatz:
бутерброд (Butterbrot, Deutsch)
пальто (Mantel, Französisch)
матрос (Matrose, Niederländisch)
Das Russische öffnete sich damit der Welt und wurde zur Sprache eines modernen, europäischen Großreichs.
Goldenes Zeitalter: Puschkin und die moderne Schriftsprache
Im 19. Jahrhundert erlebte Russisch seine literarische Hochphase. Alexander Puschkin gilt als „Vater der modernen russischen Sprache“, weil er Alltagssprache und Literatur zu einer neuen Einheit verband.
Seine Werke und die seiner Zeitgenossen – Tolstoi, Dostojewski, Gogol und Tschechow – machten Russisch zu einer Kultursprache von Weltgeltung. Die Normen, die damals etabliert wurden, prägen das moderne Russisch bis heute.
Revolution und sowjetische Sprachpolitik
Nach der Oktoberrevolution 1917 stand auch die Sprache im Zeichen der Modernisierung. Eine umfassende Rechtschreibreform beseitigte alte Buchstaben wie „Ѣ“ oder „Ѳ“ und vereinfachte die Orthographie.
Die Sowjetregierung nutzte Russisch als Instrument zur Bildung: Alphabetisierungskampagnen machten die Sprache Millionen Menschen zugänglich. Gleichzeitig wurde Russisch zur Lingua franca in Osteuropa, Zentralasien und dem Kaukasus – ein verbindendes, aber auch dominierendes Element.
Russisch in der Moderne
Heute gehört Russisch zu den zehn größten Sprachen der Welt. Es wird nicht nur in Russland, sondern auch in Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, der Ukraine und großen Diaspora-Gemeinschaften gesprochen.
Mit der Globalisierung übernahm Russisch zahlreiche Anglizismen, zum Beispiel:
компьютер (Computer)
интернет (Internet)
бизнес (Business)
Trotz dieser Einflüsse bleibt Russisch eng mit seiner jahrhundertealten Literaturtradition verbunden – ein Spannungsfeld zwischen Modernität und kulturellem Erbe.
Fazit
Die Entwicklung der russischen Sprache zeigt eindrucksvoll, wie eng Sprache, Geschichte und Macht miteinander verflochten sind. Vom religiösen Altkirchenslawisch über das prachtvolle Zeitalter Puschkins bis zur globalisierten Gegenwart: Russisch vereint Tradition und Moderne und bleibt ein Schlüssel zum Verständnis von Kultur, Literatur und Politik Osteuropas.